Türchen 24
Die alte Holzkiste der Realschule Roth
Es war der letzte Schultag vor den Ferien. In der Realschule Roth roch es nach einer Mischung aus nassen Winterstiefeln und Waffeln vom Weihnachtsverkauf der 10. Klassen am vorletzten Schultag. Während in der Aula der Weihnachtsbaum stand, saß eine 10. Klasse im ersten Stock des C-Trakts in ihrem Klassenzimmer.
„Leute, das wird das deprimierendste Weihnachten aller Zeiten“, seufzte Jonas und starrte aus dem Fenster auf den Ruhepausenhof. „Kein Schnee, nur Regen, und die Stimmung ist so lala.“
Seine Mitschülerin Amelie nickte. „Sogar der Süßigkeitenautomat in der Aula ist leer. Ein Zeichen, sag ich euch.“
Plötzlich klopfte es an der Tür am. Es war nicht die Klassenlehrkraft oder einer der anderen Lehrer. Vor der Tür stand der Hausmeister mit einer verstaubten, alten Holzkiste.
„Die hab ich hinten im Lager unter der Sporthalle gefunden“, sagte er schmunzelnd. „Da steht 'Realschule Roth – Nur in dunklen Zeiten öffnen' drauf. Ist von 1974. Wollt ihr vielleicht mal reinschauen?“
Die Klasse wurde hellhörig. Gemeinsam öffneten sie den Deckel. Zum Vorschein kamen keine Goldbarren, sondern Dutzende von handgeschriebenen Briefen, eine alte analoge Kamera und ein Stapel vergilbter Polaroids.
Die Schüler begannen zu lesen. Es waren Briefe von Schülern aus den 70ern, 80ern und 90ern. Sie schrieben über ihre eigenen Ängste vor der Zukunft, über Liebeskummer im Stadtpark und über die Hoffnung, dass die Welt ein friedlicher Ort bleiben würde. Ein Brief aus dem Jahr 1989 beschrieb die Freude über den Mauerfall und wie wichtig es sei, Mauern in den Köpfen einzureißen.
„Schaut mal“, sagte Amelie und hielt ein Foto hoch. Es zeigte eine Gruppe von Schülern, die genau hier, in ihrem Klassenzimmer, lachten. Sie trugen Schlaghosen und wilde Frisuren, aber ihre Gesichter sahen genauso aus wie die von Jonas und seinen Freunden heute.
Plötzlich begriff die Schülerinnen und Schüler etwas: Sie waren Teil einer langen Kette. Generationen von Schülern waren durch diese Türen gegangen, hatten gelacht, geweint und gehofft. Die „dunkle Zeit“, von der die Kiste sprach, war nicht das Wetter oder ein leerer Automat. Es war der Moment, in dem man vergaß, dass man nicht alleine war.
„Wir müssen das weitermachen“, entschied Jonas.
Und in den verbleibenden zwei Stunden bis zum Schulgong machten Sie genau das. Die Zehnte rannte durch das Schulhaus. Sie sammelten keine Spenden, sondern „Hoffnungsmomente“. Sie baten Lehrer, Zehntklässler und die Kleinen aus der Fünften, einen Satz auf einen Zettel zu schreiben: Was gibt dir Hoffnung für 2026?
Bis zur nächsten Pause war die Glaswand neben dem Haupteingang vollgeklebt mit bunten Zetteln:
- „Dass mein kleiner Bruder nächstes Jahr laufen lernt.“
- „Dass wir in Roth mehr Radwege bekommen.“
- „Dass wir als Klasse zusammenhalten, egal was kommt.“
Als der Schlussgong um 12 Uhr ertönte, strömten die Schüler nach draußen. Der Regen in Roth war immer noch da, aber die Stimmung hatte sich gedreht. In der Kiste im Lager unter der Turnhalle lag nun ein neuer Umschlag, beschriftet von der 10. Klasse 2025: „Für die Schüler von 2050 – Verliert nie den Mut.“
Jonas und Amelie liefen gemeinsam zum Busbahnhof. „Gar nicht so übel für den letzten Schultag“, sagte Jonas und zog die Kapuze hoch.
„Stimmt“, antwortete Amelie. „Manchmal braucht man nur einen Blick zurück, um wieder nach vorne zu schauen.“
Oben in C-Trakt brannte noch ein kleines Licht, während die Schule langsam zur Ruhe kam. Die Hoffnung war in Roth angekommen – nicht auf einem Schlitten, sondern in einer alten Holzkiste und in den Herzen derer, die sie öffneten.







